Heidi Trautmann

1088d: Weihnachts- und Jahresendbrief 2020
12/17/2020

Liebe Familie, liebe Freunde,

Wir werden dieses Jahr 2020 wohl nie vergessen, es fing so hoffnungsfroh an und dann traf uns die Virusnachricht wie eine Bombe. Die Welt wurde zu einer mathematischen Formel mit dem gemeinsamen Nenner Covid-19 Virus, und dieser  wurde zum gemeinsamen Feind No.1 weltweit. Ein gemeinsamer Feind vereint. Er vereint im guten und im bösen Sinne. Seltsam, nicht wahr?

Gilt diese Feststellung nicht auch für die Politik?  Überlegt mal, will ein Politiker ein Ziel durchsetzen, schafft er als erstes einen gemeinsamen Feind, um Stimmen zu sammeln -  und schon hat er es erreicht; man hat das oft genug beobachten können. Wozu brauchen die Menschen einen gemeinsamen Feind?  Weil sie damit jemanden haben, auf den sie die Schuld an ihrer eigenen Misere, an ihrem Unvermögen, schieben können.

Hier auf der Insel kam der totale Lockdown erst einmal aufgrund von infizierten deutschen Touristen, von denen einer während der Quarantäne im Hotel verstarb. Es folgte eine Zeit der Unsicherheit und Angst; die Straßen waren leergefegt, kein Bus, kein Taxi, keine Fußgänger, nur die Hunde bellten, keine Flugzeuge über der Stadt, man hörte plötzlich die Hähne aus dem nächsten Dorf krähen. Nach Wochen wurde mit jedem Tag die Luft reiner, der Himmel klarer, ich konnte von der Wohnung aus die gesamte Bergkette sehen mit allen Details. Ich fing an, jeden Tag den Sonnen-untergang mit der Kamera mit Uhrzeit festzuhalten und meinen Freunden im Facebook zu zeigen, so entstand eine beachtliche Reihe von erstaunlichen Fotos. Aber auch Sonnenaufgänge und Mondphasen.  Es galt, nicht nur mich selbst zu beschäftigen, sondern den Freunden etwas zum Staunen zu geben; und diese warteten ab dann jeden Abend auf die neuesten Aufnahmen.

Ich begann, Brot zu backen, die Zutaten für Roggenbrot hatte ich vorrätig, und ich sandte das Rezept den jammernden und verzweifelten Freunden zu, auch Rezepte für viele nette Gerichte. Die älteren Freunde berichteten ihrerseits, hörbar lächelnd und sich wundernd, dass ihre Töchter - auch Söhne - sich plötzlich an die Nähmaschine setzen und sich von Mama zeigen ließen, wie man das denn so macht, wie man strickt, stickt und häkelt...ja auch, wie man Brot backt.

Die Zyprioten, d.h. alle Mittelmeerländer leben aushäusig, sie lieben Straßencafés, gehen gerne zum Essen, sie lieben den Kontakt, die Kommunikation.  Sie gehen auch gerne wandern, die nahen Hügel bieten sich an. So war natürlich der Lockdown mit der erzwungenen Isolation eine Strafe für sie. Es hiess nun, aus sich selbst schöpfen, das gesamte gesellschaftliche Leben lag brach.

Eine ungewöhnliche frühe Hitzewelle machte die Lage noch schwieriger. Es waren lediglich die Supermärkte offen, manche errichteten Lieferdienst, was von vielen in Anspruch genommen wurde. Meine Künstlerfreunde boten ihre Hilfe an, für mich Einkäufe zu machen, die Bewohner im Gebäude klopften bei mir an und brachten Gebackenes. Öffentliche Kommunikation war über Radio, Fernsehen oder Internet, Facebook, und so verabredete man in den ersten Wochen zu einer bestimmten Uhrzeit auf Balkonen und an offenen Fenstern straßenweise Konzerte zu machen, zu singen und Lichter zu zeigen, so nach dem Beispiel in Italien, wo man sich auf diese Weise Mut machte, auch um den Ärzten und dem medizinischen Personal zu danken.

Ich saß auf einem meiner Balkons und schaute hinab, schaute die Bergkette entlang. Mein Balkongarten gab mir das Gefühl nicht alleine zu sein, da war etwas Lebendiges, um das ich mich kümmern musste.

Ich arbeitete....suchte alte Skizzen heraus und begann, sie in Geschichten umzuwandeln, ihnen ein neues Gesicht zu geben, es war spannend. Die Pandemie beeinflusste mich in Farben und Ausdruck, ich arbeitete konzeptionell. Da waren die Geschehnisse im gesellschaftlichen Leben, ich verarbeitete das; da waren die Kriegsschauplätze ringsherum im Nahen Osten, ich verarbeitete das. Da war die große Explosion in Beirut, ich verarbeitete das. Aber auch, was ich so vom Balkon aus sah, die Menschen auf der Straße, am Strand, Fischer und alte Menschen am Meer, umflogen von Tauben.

In der Kunst- und kulturellen Szene tat sich nicht viel, es war zum Verzweifeln für viele, die davon lebten, für unabhängige Künstler, für Leute vom Theater, von Orchester und Musikgruppen, nicht nur finanziell, auch vom schöpferischen Standpunkt aus gesehen. Aus dieser Notsituation heraus entwickelten sich weltweite Onlineveranstaltungen jeder Art und die Technologie und Abhängigkeit von den Medien machten einen großen Sprung. Teleunterricht an Universitäten und Schulen, Online-Konferenzen und Tagungen, man staunte nur so, was alles möglich war, der Bedarf an Kommunikation war groß und wo eine Mangelerscheinung ist, läuft die Entwicklung auf Hochtouren. Opernhäuser verkauften online Karten für ihre Aufführungen, Kunsthäuser und Museen öffneten virtuell und kostenlos ihre Tore; Tänzer gaben online Unterricht und Joga, Qigong, Gymnastik hatten Hochkonjunktur; Verwandtenbesuche lief über Whatsapp. Ich staunte nur so und schüttelte den Kopf in Erinnerung an das erste Mobiltelefon, dass wir auf dem Schiff eingerichtet hatten, es war ein Koffer, das nur 20 Seemeilen Reichweite hatte – wegen der Erdkrümmung....

 

Mit diesen Worten, schließe ich dieses Jahr ab, was jetzt noch passieren mag, ignoriere ich. Ich umarme Euch und werde in Gedanken bei Euch sein.

Etwas zum Nachdenken gebe ich noch mit:

 

Das Paradoxe unserer Zeit.

Große Häuser, kleine Familien.

Immer mehr Bildung, aber weniger gesunder Menschenverstand.

Fortschrittliche Medizin, aber schlechter Gesundheitszustand.

Auf dem Mond gewesen, aber seinen Nachbarn nicht kennen.

Hohes Einkommen, wenig Seelenfrieden. Höchster IQ, aber verdrängte Emotionen. Voller Kenntnisse, ohne Weisheit. Viele Menschen, aber wenig Menschlichkeit.

 


Unten am Meer...
Unten am Meer...






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